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Pael hielt die tieforange glühende Feuerkugel in ihrer Handfläche, die Augen geschlossen. Die Kugel brannte, Pael konnte spüren wie die Flammen auf ihrer Haut bewegten und doch fühlte sie keinen Schmerz, nichts. Die Kugel, das Feuer, sie konnten ihr nichts anhaben, nicht ihrer Schöpferin. Und doch wusste Pael, dass sie in ihrer Hand den Tod balancierte. Sie öffnete die Augen und wandte sich um. Unter ihr, am Ende des Berghangs erstreckte sich ein Schlachtfeld, auf welchem sich zwei langjährige Feinde einen unerbittlichen, blutigen Kampf lieferten. Väter erschlugen Söhne, Grossväter machten Enkel zu Waisen, Männer hinterliessen Witwen.
Es war ein schreckliches Bild, doch schon seit Paels Kindheit ein Vertrautes. Pael, als Priesterin vom Orden des Friedens, hatte schon manches gesehen. Sie kannte den Krieg in all seinen grausamen Formen, ob auf dem Schlachtfeld oder bei zerstörten Familien. Ihre Aufgabe bestand darin, die Wunden zu heilen, die sichtbaren und die unsichtbaren. Aber jetzt, diese unerwartete Wendung.
Pael starrte auf die Feuerkugel in ihrer Hand. All die Jahre hatte sie die Macht der Erlösung in ihrer Hand gehalten, ohne es zu wissen. Sie war diejenige auf die der Orden so lange gewartet hatte. Sie war die Prophezeiung.
Und wenn der Tag gekommen ist, wird der Erlöser zu uns kommen, seine schützende Hand über uns legen und uns von allen Qualen befreien
Paels Blick wanderte über das tosende Schlachtfeld. Es sah aus wie ein wogendes, schwarzes Meer. Die Schreie und das Klirren aufeinander einschlagender Waffen drangen wie ein Flüstern zu ihr hinauf. Pael wusste, sie hatte die Macht dies alles mit nur einem Schlag zu beenden.
Was ermächtigt mich über das Schicksal so vieler zu richten? Gibt es keine friedvollere Lösung? Muss Gewalt wirklich mit Gewalt aufgehalten werden? Was ist mit der Vernunft? Kann ich nicht an jene der Kriegsherren appellieren?
Bilder erschienen vor Paels Augen. Verstümmelte und gefolterte Priester vom Orden des Friedens, die erfolglos versucht hatten den Krieg mit Worten zu beenden. Die Augen der Priesterin füllten sich mit Tränen.
Ein Exempel, statuiert an unschuldigen und verdorbenen Seelen gleichermassen. Das ist also mein Schicksal und das dieser Männer? Aber reicht dies allein? Nein, tausende Tote und doch führen sie immer noch diesen sinnlosen Krieg. Es muss mehr sein.
Die Feuerkugel löste sich von Paels Hand und schwebte von ihr fort auf das Schlachtfeld zu.
Krieg herrscht dort, wo Hass die Überhand gewonnen hat. Doch welches Gefühl ist stärker als der Hass? Viele glauben, es sei die Liebe, aber das kann nicht sein. Liebe und Hass sind sich ebenbürtig. Das einzige Gefühl, das Hass mildert oder zurückhält ist … die Furcht. Die Angst ist ein beherrschendes Gefühl und kann nicht kontrolliert werden. So sei es. Sollen sie mich fürchten und hassen zugleich.
Die Feuerkugel hatte die Mitte des Schlachtfeldes erreicht, stieg in die Höhe und wurde immer grösser. Vereinzelt waren Schreie zu hören, überrascht wurden Waffen gesenkt und nach und nach wich erstauntes und teils entsetztes Raunen den Klängen des Krieges. Finger zeigten auf die Feuerkugel die stetig wuchs. Pael schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus.
„Heute wird zum letzten Mal Blut geflossen sein!“, schrie sie aus Leibeskräften. Gleissendes Licht strömte aus ihrem Mund und wo ihre Augen zuvor waren, brannten zwei unendliche tiefe schwarze Löcher. Die Feuerkugel vergrösserte sich mit rasender Geschwindigkeit und begrub das Schlachtfeld und alle Krieger in einem Meer aus Feuer.

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Meine Güte, heute war mal wieder einer dieser Tage … Einer dieser Tage, an dem ich nicht recht wusste, ob ich jetzt einfach die Nerven verlieren und wie eine wilde Furie Gegenstände herumwerfen und schreien oder wie ein Häufchen Elend meinen Ärger herausweinen soll.
Letzten Endes habe ich mich – zum Glück meiner Umgebung und Selbstachtung – für keine der beiden Möglichkeiten entschieden und schlicht und ergreifend innerlich resigniert. Immerhin etwas.
Angefangen hat es schon heute Morgen: Handy beim Aufstehen souverän auf den „Boden“ gepfeffert und ich frag mich bis jetzt wie ich das angestellt habe. Da steht man in einem Moment auf nimmt das Handy in die Hand und im nächsten Augenblick, Rumms liegt’s in der anderen Ecke des Zimmers. Zum Glück lag da noch ein Kleiderhaufen – Was natürlich üblicherweise nicht der Fall ist, ich lass doch keine Kleidungsstücke einfach so rum liegen, niemals, also … praktisch nie, ähm, selten jedenfalls, das heisst, nicht wirklich oft, äh. Das Handy landete jedenfalls im Kleiderhaufen und meine Miniherzattacke beschränkte sich nur auf ein paar Sekunden. Was an dieser Stelle vielleicht erwähnt werden sollte: Mein Handy hat schon bessere Tage hinter sich. Ich liebe es und trotzdem habe ich es fallenlassen! Dummerweise auf Plattenboden und daran ist das arme Ding zerbrochen, zumindest halbwegs. Kanns ja nachvollziehen, würd mir nicht anders ergehen …
Tja, mit einem geworfenen Handy war der Tag aber natürlich noch nicht gelaufen. Im Büro wurde es erst richtig spitze! Es war zum Davonlaufen. Ein Mist jagte den nächsten und kurz vor Mittag hatte ich einen gefährlichen Siedepunkt erreicht. Eine tickende Zeitbombe quasi und der Nachmittag machte es nicht gerade besser.
Im Grunde genommen habe ich am Nachmittag gar nicht mehr wirklich „gearbeitet“, sondern nur noch telefoniert, Mist geschaufelt und verzweifelt versucht die Tränen des Horrors zurückzuhalten.
Dann – endlich! – Physiotherapie, ich musste, bzw. durfte früher gehen. YAY! Tja, zehn Minuten später war mir das enthusiastische „yay“ vergangen. Stadtverkehr sollte verboten werden!
Trotz allem Zeter und Mordio kam ich heile in der Praxis an und startete einen Teil meines Selfprogramms. Als ich damit fertig war und meine Therapeutin immer noch nicht da war, machte ich mir langsam Sorgen und ging auf die Suche. Tja, was kam heraus: Ich hatte gar keinen Termin. Ich hatte überhaupt keinen Termin mehr und man hat es irgendwie geschafft mich zu löschen. Boomchackalacka! An dieser Stelle möchte ich meiner Selbstbeherrschung einen besonderen Dank aussprechen. Anstatt – nach einem Tag voller Ärger, Mist und innerlicher Nervenzusammenbrüche – bin ich weder völlig ausgeflippt noch habe ich mich auf den Boden gelegt, die Beine angezogen und weinend hin und her geschaukelt – Nööö. Strahlend gelächelt und „Keeeeeeeeein Ding“ geträllert, neue Termine vereinbart und schliesslich mit zusammengebissenen Zähnen in mein Verderben bzw. den schlimmsten Feierabendverkehr gefahren, den ich jemals, ever erlebt habe.
Damit hatte ich eine ganze Stunde Zeit verschwendet, die ich für einige Arbeiten im Büro sehr gut hätte brauchen können und die mir – da ich eigentlich für nix und wieder nix in die Praxis gefahren bin – auch nicht gutgeschrieben wird. Dang!
Ich hoffe wirklich, dass morgen ein besserer Tag wird. Meine Nerven halten so etwas nicht noch mal in der gleichen Menge aus …

In diesem Sinne
La Petite

Jeder der sich schon einmal ernsthaft hingesetzt und versucht hat eine Geschichte zu schreiben, wird vermutlich nachvollziehen können was momentan in mir vorgeht – oder auch nicht. Falls letzteres zutrifft: Glückspilz! Sei dir giftiger Eifersucht bewusst. Aber zurück zu Grund und Inhalt: Schreibblockade. Aber keine normale, nein. Ich habe – ungelogen! – tausend Ideen für verschiedene Geschichten, aber kaum setze ich mich hin und will ebenjene auf das sprichwörtliche Papier bringen, sitze ich da und starre den Monitor an. Den meine Wenigkeit nebenbei auch mal wieder reinigen könnte. Bam! Und schon ist es passiert, meine Gedanken schweifen ab und plötzlich erwische ich mich eine Stunde später völlig verwirrt in meinem Zimmer dabei, wie ich Sachen umstelle und bei meinen Büchern den Staub abwische. Und das ist immer so – nur jedes Mal anders. Selbst jetzt, wo ich mich eigentlich über meine mangelnde Fähigkeit Gedanken aufs Papier bringen zu können beschweren will, scheitere ich beinahe daran.
Eigentlich reicht schon die falsche Musik in den Ohren und meine Konzentration geht flöten. Dann mach halt die Musik aus höre ich die gemeine Stimme in meinem Kopf rufen, aber – … Ich bin musikabhängig. Das geht sogar schon so weit, dass ich – bevor ich überhaupt zu schreiben beginne – erst mal den Soundtrack vorzusammenstelle. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch bei Google nach potenziellen Charakteren Ausschau halten, weil Bilder für mich auch immer sehr inspirierend sind. Und Bam! Schon wieder ne Stunde rum, diverse Charaktere, Passagen und Dialoge im Kopf parat aber auf dem Papier? Nix.
Es ist zum Verrücktwerden. Vor allem weil mich zur Zeit zwei Geschichten plagen. Die eine ist ein zu einer Horrorgeschichte abgewandeltes und umarrangiertes Märchen, die andere ist die Geschichte von einem den Tod überwindendem Versprechen. Klingt alles ganz nett und Storyline und alles sind in meinem Kopf, beim Märchen sogar noch niedergeschrieben. Aber es will mir einfach nicht gelingen alles nieder zu schreiben. Selbst diese Beschwerde ist nur die traurige Flucht vor einem erneuten Scheitern. Und weil momentan irgendwelche Psychomusik in meinem Kopf dröhnt, besteht die Gefahr nun, dass dieser Gedankengang melodramatischer wird, als er eigentlich gedacht wäre.
Tja und jetzt bin ich wieder an einen Punkt gelangt, wo ich mir selbst in den Hintern treten muss. Und das ist – berücksichtigt man die Anatomie des Menschen – beim besten Willen nicht die einfachste Angelegenheit. Nun, ein Versuch ist es allemal wert.

In diesem Sinne
La Petite

Einst lebte ich in einer grossen und florierenden Stadt. Die Geschäfte blühten, die Wirtschaft boomte und die Menschen waren gerne hier. Wir hatten viele sichere Arbeitsplätze, medizinische Versorgung, uns ging es einfach nur gut. Und vielleicht wurde uns genau dies zum Verhängnis.

Heute ist die Stadt immer noch da, ebenso die Geschäfte und Menschen, irgendwo … Aber sie hat sich verändert. Sie ist nur noch ein trauriges Abbild dessen, was sie einst verkörperte.

Ich lache noch heute, wenn ich an die Berichte nach der grossen, alles entscheidenden Krise denke. „Es war eine Frage der Zeit! Man hatte es kommen sehen!“ – Wenn man es hat kommen sehen, warum ist es dann passiert? Warum hat man nichts unternommen und ohnmächtig zugesehen wie alles den Bach runtergeht? Mag sein, das meine Fragen, Wünsche und Ideen naiv sind, aber ich bin nicht dumm. Ich glaube nicht, dass alle wirklich wussten wie das Ganze tatsächlich enden würde, oder zumindest hoffe ich das. Ich bin mir sicher, keinem war wirklich klar was da passierte, so rasch und so endgültig. Dass ein ganzes System zusammenbricht, so etwas sieht man nicht kommen. Das überfährt einen mit der Intensität eines Busses mit über 100 km/h. Und wer daneben steht, dem bleibt nichts anderes übrig als hilflos dabei zuzusehen. Zuerst waren die Arbeitsplätze weg, die Geschäfte verschwanden, Schulen wurden geschlossen – die Stadt begann auszusterben. Und wie bei einer unheilbaren Krankheit, die sich dem Endstadium neigt, brach auch die Stadt in sich zusammen und zerfiel nach und nach.

Heute ist nicht mehr viel übrig. Die Menschen, die noch hier leben sind Verrückte, Gruppen die sich zu eigenständigen Gesellschaften zusammengeschlossen haben und ich.

Verrückt bin ich nicht, noch nicht – und ich hatte noch nie ein besonderes Bedürfnis verspürt einer Gemeinschaft anzugehören. Meine Seele und mein Geist brauchen Freiheit und die haben sie, damals wie heute.

Ich weiss noch genau wie mich damals alle drängten die Stadt mit ihnen zu verlassen und wie alle mit totalem Unverständnis reagierten, als ich ablehnte. Sie verstanden nicht, dass es für mich nicht so leicht war diese Stadt zu verlassen. Es mag seltsam klingen, aber ich habe im Laufe der Jahre tiefe Gefühle für sie entwickelt. Es ist eine Liebe, die man nicht definieren kann, man spürt sie.

Und ich habe diese Liebe zweimal gefühlt, tue es noch immer und das ist der Grund, warum ich hier stehe. Als ich vor fünf Jahren meine verwandte Seele zum letzten Mal gesehen habe, standen wir hier. Aber es hat nicht geregnet und auch die Verwahrlosung war noch nicht so fortgeschritten. Es ist die Stelle, an der wir uns vor zehn Jahren kennenlernten. Damals, auf dem Gipfel der Wirtschaftlichkeit. Es war ein schöner Ort, eine grosse Passage mit unzähligen Cafés, kleinen Läden und Bars. Gleich gegenüber stand der Hauptsitz einer grossen Firma und mittags wimmelte es von Angestellten, Schülern und Pensionisten.

Heute ist nicht mehr viel davon übrig, die Läden sind geplündert und zerstört, Müll liegt herum und der Charme der Passage ist gänzlich verschwunden. Übriggebliebene Ruinen einer Geisterstadt.

 

– Wenn ich einen Ort gefunden habe, an dem du glücklich werden kannst, werde ich kommen und dann wirst du mich begleiten.

– Und woher soll ich wissen, wann du zurück bist?

– Ich werde heute um viertel nach vier in der Zukunft da sein. Warte auf mich.

 

Es ist jetzt dreizehn nach vier. Immer um diese Zeit fühle ich die Nervosität in mir steigen. Selbst nach fünf Jahren vergeblichen Wartens, bin ich aufgeregt und angespannt. Denn ich weiss, irgendwann wird er kommen und mich an einen Ort bringen, an dem ich so glücklich sein kann wie hier. Vierzehn nach vier und mein Herz rast. Ich schliesse die Augen und lausche dem steten Rauschen des Regens. Fünfzehn nach vier, nichts. Ich atme tief ein und aus und behalte die Augen geschlossen. Mein Puls senkt sich wieder und angenehme Ruhe erfüllt mich. Der Ort ist also noch nicht gefunden.

Ich öffne die Augen wieder und will gerade gehen, da höre ich auf einmal Schritte.

„Und wie immer, bist du zwei Minuten zu spät.“ Ich drehe mich lächelnd um.

Das erste was Samuel spürte, als er das Bewusstsein wiedererlangte, war der stechende Schmerz in seiner linken Brust, in der ein Pfeil steckte. Unter leisem Ächzen wand er seinen Körper in eine angenehmere Position und blieb schließlich auf dem Rücken liegen. So hatte er sich den Krieg nicht vorgestellt. Als großer Held hatte er gedacht zurück zu kehren und gefeiert zu werden. Und jetzt lag er da, zwischen vorwiegend toten oder kurz vor dem letzten Schritt stehenden Kameraden, selbst kaum imstande sich zu bewegen. Nein, so hatte er sich den Krieg wirklich nicht vorgestellt. In seinen Träumen und Vorstellungen, umgeben von heroischem Glanz, hatte er einen Feind nach dem anderen erschlagen, die Krone verteidigt, den Sieg errungen.
Samuel tastete langsam nach dem Pfeil und fragte sich, als seine Finger den Schaft umfassten, ob er ihn einfach herausziehen sollte. Er entschied sich dagegen. Seine Hand sank kraftlos neben ihm auf dem aufgewühlten, leicht matschigen Erdgrund.
Die Realität traf ihn mit der Stärke eines wohl gezielten Fausthiebs. Er würde sterben. Wenn nicht hier auf dem Schlachtfeld, dann qualvoll im Lazarett. Denn, wenn Samuel eines wusste dann, dass Männer mit Pfeilen in der Brust niemals lebend zurückgekehrt waren. Oder war er möglicherweise der erste? Hoffnung erfüllte ihn und schon glaubte er zu spüren, wie der Schmerz langsam nachließ. Angenehme Müdigkeit befiel ihn und er schloss die Augen.
Doch dann erforderte ein wohlbekanntes Geräusch seine volle Aufmerksamkeit. Schwere Stiefel die mit sicheren Schritten durch das Meer der toten und Verwundeten wateten und das feine klirren von Waffen und Rüstungen. Menschen! Hilfe!
Samuel wollte nach Hilfe rufen, aber ihm kam nur ein röchelndes Stöhnen über die Lippen. Er öffnete die Augen und erblickte die Silhouette einer Kriegerin, die ihn anscheinend nicht gehört hatte, denn sie war im Begriff weiter zu gehen. Noch einmal versuchte Samuel nach ihr zu rufen, wieder gelang es ihm nicht. Doch etwas schien trotzdessen ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sie hielt inne und wandte sich um. Ihr Blick wanderte an einen unbestimmten Ort hinter ihr und dann sah sie ihn doch. Erstaunt starrte sie auf Samuel, wandte sich wieder um, rief ihren Kameraden etwas in einer fremden Sprache zu und kehrte zu Samuel zurück. Als sie bei ihm angekommen war, musterte sie ihn und sprach in denselben, unverständlichen Worten wie zuvor. Sie war wunderschön, wie Samuel fasziniert feststellte. Eine blutbedeckte Prinzessin.
„..er … schn…“, brachte er über die Lippen und wollte nach ihrem Gesicht greifen, aber seine Arme blieben unbewegt auf dem Boden.
Wieder redete sie in ihrer fremdländischen Sprache auf ihn ein, zuckte mit den Schultern und griff nach einem Pfeil in ihrem Köcher. Sie trat einen Schritt zurück, zielte auf Samuels Stirn, spannte den Bogen und schoss.
Lijana schniefte teilnahmslos, holte sich ihren Pfeil zurück und drehte sich zu ihren Kameraden um.
„Ich habe mich darum gekümmert!“, rief sie den Männern zu und machte sich wieder auf die Suche nach weiteren Überlebenden.

Das Wesen öffnete die Augen, hob den Kopf und blickte empor. Die Sonne war gerade untergegangen und die Zeit des Mondes hatte begonnen. Die goldenen Ornamente auf seinem Fellkleid begannen zu leuchten und das Wesen erhob sich. Es stellte seine langen Ohren auf, als würde es fernen Klängen lauschen. Ein lauer Luftzug strich über sein bläulich glänzendes Fell. Langsam setzte sich das Wesen in Bewegung.
Es folgte einem Pfad durch das Dickicht des Waldes. Kein Laut war zu hören, selbst der Wind glitt geräuschlos durch den Wald und der Bach, der nach kurzer Zeit erschien, plätscherte unhörbar und folgte seinem erarbeiteten Weg. Das Wesen hielt inne und setzte sich. Wieder stellte es die Ohren auf und lauschte in die tosende Stille hinein, dann wandte es seinen Kopf und entdeckte einen leblosen Körper. Vorsichtig tastete es sich an den Körper heran. Es war ein Kaninchen, ein junges, gestorben an einer Wunde, die es sich bei einer Flucht zugezogen hatte. Das Wesen stand nun direkt über dem Kaninchen, beugte sich langsam zu ihm hinunter und berührte den Körper sanft mit der Nasenspitze. Ein feiner Nebel umhüllte das tote Tier, sammelte sich, tanzte mit dem Wind und formte sich neu. Er stieg empor und nahm die Gestalt des Kaninchens an.
„Wo bin ich“, fragte das Kaninchen ängstlich und zuckte nervös mit seiner Nase. Das Wesen peitschte mit seinem flaumigen Schwanz. Das Kaninchen blickte sich unruhig um. Es kannte diesen Ort und doch war er ihm völlig fremd.
„Es ist so … still“, stellte es fest und kauerte sich zusammen. Das Wesen setzte sich und blickte das Kaninchen durchdringend an.
„Es ist hier immer still“, murmelte das Kaninchen leise und entspannte sich. Das Begreifen hatte seine ruhige Hand um das Tierchen gelegt und streichelte nun liebevoll über seinen Kopf.
„Bleibe ich für immer hier?“, fragte das Kaninchen das Wesen und jenes schüttelte den Kopf.
„Wirst du mich fressen?“ Wieder schüttelte das Wesen den Kopf und blickte dann zum leuchtenden Vollmond auf. Das Kaninchen folgte seinem Blick und hielt ehrfürchtig seinen Atem an.
„Wie lautet dein Name?“, fragte das Kaninchen und das Wesen löste seine Augen vom Mondschein. Es beugte sich zu dem durchscheinenden Tierchen hinab und berührte den Nebel vorsichtig mit seiner Nasenspitze.
„Ich nenne dich Mondfuchs.“ Die Stimme und der Körper des Kaninchens verblassten und übrig blieb der blaue Nebel, welcher unentwegt empor stieg und schliesslich eins mit dem Licht des Mondes wurde.
Das Wesen hatte viele Namen und jede Vollmondnacht kamen neue hinzu, doch ihm war es nicht erlaubt einen zu besitzen. Es blickte empor, spitzte die Ohren und lauschte in die Stille. Erneut setzte es seinen Weg fort und machte sich auf die Suche nach den verstorbenen Seelen, um ihnen den Weg zu weisen.